Geheimcodes im Arbeitszeugnis entschlüsseln
Ein Zeugnis kann durchweg freundlich klingen und trotzdem abwerten. Welche „Geheimcodes“ sich an der Rechtsprechung festmachen lassen – und warum „gesellig = Alkohol“ und ähnliche Listen mit Vorsicht zu genießen sind.
Was sind Geheimcodes im Arbeitszeugnis? Geheimcodes sind Formulierungen, die positiv klingen, aber zwischen den Zeilen eine schwächere Bewertung transportieren. Verlässlich erkennbar sind sie an wiederkehrenden Mustern, nicht an einzelnen Reizwörtern: an der Zufriedenheitsformel und ihren Abschwächungen, an einschränkenden Zusätzen wie „im Großen und Ganzen“, an fehlenden Bausteinen (beredtes Schweigen) und an einer vertauschten Reihenfolge. Verdeckte Aussagen, die etwas anderes bezwecken als ihr Wortlaut, sind nach § 109 Abs. 2 GewO unzulässig; Betroffene können die Berichtigung verlangen.
Warum es verdeckte Bewertungen gibt
Ein Arbeitszeugnis muss wahr und zugleich wohlwollend sein – Wahrheit geht dabei vor, wohlwollend darf es nur im Rahmen der Wahrheit sein (BAG, 14.06.2016, 9 AZR 8/15). Aus diesem Spannungsfeld hat sich eine eigene Zeugnissprache entwickelt: Kritik wird nicht offen ausgesprochen, sondern in feste Formeln übersetzt, die freundlich wirken.
Für die Auslegung kommt es nicht auf die geheime Absicht des Ausstellers an, sondern darauf, wie ein durchschnittlicher, branchenkundiger Leser das Zeugnis versteht – das Zeugnis muss aus sich heraus verständlich sein (BAG, 09.09.2011, 3 AZB 35/11). Deshalb sind die verlässlichen Codes weniger geheimnisvoll, als viele Listen im Netz suggerieren: Es sind sprachliche Muster mit einer anerkannten Bedeutung.
Die belegbaren Muster verdeckter Kritik
Diese sechs Techniken tauchen in der Rechtsprechung und der Zeugnispraxis immer wieder auf. Sie beruhen auf einem klaren Mechanismus – deshalb sind sie belastbar, anders als manche kursierende Wort-Gleichung.
Die Zufriedenheitsskala. Die Gesamtnote hängt an einem einzigen Wort. „Zur vollen Zufriedenheit“ ist – trotz freundlichem Klang – nur die mittlere Note 3, wie das Bundesarbeitsgericht ausdrücklich bestätigt hat (18.11.2014, 9 AZR 584/13). Welche Formel welche Note trägt, zeigt der Ratgeber zu den Noten im Arbeitszeugnis.
Einschränkende Zusätze. Ein solcher Vorbehalt vor der Bewertung zieht die Note nach unten. Aus „zu unserer Zufriedenheit“ wird mit „im Großen und Ganzen“ eine deutlich schwächere, mangelhafte Aussage.
Anstrengung statt Erfolg. „Bemühen“ beschreibt den Versuch, nicht das Ergebnis. Nach der üblichen Lesart hat das Ziel gerade nicht erreicht, wer sich nur „bemüht“ hat – ein Ausdruck unterdurchschnittlicher Leistung (Note 5–6). Das ist einer der wenigen wirklich etablierten Codes.
Beredtes Schweigen. Fehlt eine Angabe, die in Ihrer Branche üblich ist, wirkt das Weglassen wie ein versteckter Hinweis auf eine unterdurchschnittliche Bewertung (BAG, 12.08.2008, 9 AZR 632/07). Prüfen Sie Ihr Zeugnis deshalb auch auf das, was nicht darinsteht.
Reihenfolge und Zeitfaktor. Üblich ist „Vorgesetzte vor Kollegen“; werden Kollegen zuerst genannt, ist das ein Warnsignal. Bei einer Berichtigung darf der Arbeitgeber zudem weder das „stets“ streichen noch die übliche Reihenfolge umkehren – beides sind unzulässige Verschlechterungen (BAG, 21.06.2005, 9 AZR 352/04).
Zweideutige Lob-Formeln. Manche Sätze loben scheinbar und meinen das Gegenteil. Das LAG Hamm hat den Hinweis, jemand sei „im Kollegenkreis als tolerant“ bekannt, als verdeckte Kritik am Verhalten gegenüber Vorgesetzten eingestuft und für unzulässig erklärt (17.12.1998, 4 Sa 630/98). Auch eine scheinbar wohlwollende „emotionale Präsenz“ ist auf Verlangen zu streichen (LAG Köln, 15.03.2018, 6 Sa 15/18).
Populäre „Geheimcodes“ – was dran ist und was nicht
Im Netz kursieren lange Listen angeblicher Geheimcodes, in denen jedem Wort eine feste „wahre Bedeutung“ zugeordnet wird. Die Wahrheit liegt dazwischen: Manche dieser Wendungen sind in der Fachliteratur zur Zeugnissprache tatsächlich als mögliche verdeckte Hinweise beschrieben – aber immer nur kontextabhängig, nie als feste Bedeutung eines einzelnen Wortes. Andere sind reine Folklore ohne jeden Beleg. Denn ob eine Formulierung ein verbotenes Geheimzeichen ist, beurteilt sich am Gesamtzusammenhang und am objektiven Empfängerhorizont, nicht am isolierten Begriff (BAG, 15.11.2011, 9 AZR 386/10). Deshalb hier eine ehrliche Einordnung der bekanntesten Kandidaten statt einer weiteren Angst-Liste.
Verlassen Sie sich deshalb auf die Muster aus dem Abschnitt oben. Wegen eines einzelnen Wortes in Panik zu geraten lohnt selten; ein nüchterner Blick auf Zufriedenheitsformel, Vollständigkeit und Reihenfolge lohnt dagegen fast immer.
Sind Geheimcodes erlaubt?
Nein. Das Zeugnis muss klar und verständlich formuliert sein und darf keine Merkmale oder Formulierungen enthalten, die eine andere als die aus dem Wortlaut ersichtliche Aussage bezwecken (§ 109 Abs. 2 GewO). Verschlüsselte, doppelbödige Formulierungen sind damit unzulässig und auf Verlangen zu streichen – so ausdrücklich das LAG Hamm zu einer scheinbar positiven Lob-Formel (4 Sa 630/98).
Der Haken liegt im Nachweis: Man muss den Code erst erkennen und im Kontext belegen, dass er negativ gemeint ist. Dabei hilft die Gesamtschau mehr als die Deutung Wort für Wort – und, wenn sich ein Verdacht erhärtet, ein konkreter Berichtigungsanspruch.
Häufige Fragen zu Geheimcodes
Was sind Geheimcodes im Arbeitszeugnis?
Formulierungen, die freundlich klingen, aber eine schwächere Bewertung transportieren. Zuverlässig zeigt sich das an wiederkehrenden Mustern: an der Zufriedenheitsformel, an einschränkenden Zusätzen, an fehlenden Bausteinen (beredtes Schweigen) und an einer vertauschten Reihenfolge. Verdeckte Aussagen sind nach § 109 Abs. 2 GewO unzulässig.
Sind Geheimcodes erlaubt?
Nein. Das Zeugnis muss klar und verständlich sein und darf keine verdeckten Aussagen enthalten (§ 109 Abs. 2 GewO). Ob ein Satz ein verbotenes Geheimzeichen ist, entscheidet der Gesamtzusammenhang aus Sicht eines durchschnittlichen Arbeitgebers (BAG 9 AZR 386/10) – nicht ein einzelnes Wort.
Bedeutet „war stets gesellig“ wirklich Alkoholprobleme?
In der Zeugnisliteratur gilt „gesellig“ tatsächlich als mögliche verdeckte Anspielung auf ein Alkoholproblem. Gerade deshalb ist eine solche Andeutung grundsätzlich unzulässig – Suchterkrankungen sind rechtlich Krankheiten. Ein einzelnes Wort beweist aber nichts; entscheidend ist der Gesamtzusammenhang.
Was bedeutet „hat sich bemüht“?
„Bemühen“ beschreibt die Anstrengung, nicht das Ergebnis. Wer sich nur „bemüht“ hat, hat das Ziel nach üblicher Lesart nicht erreicht – ein Ausdruck unterdurchschnittlicher Leistung (Note 5–6). Einer der wenigen wirklich etablierten Codes.
Woran erkenne ich verdeckte Kritik zuverlässig?
An den Mustern: genaue Zufriedenheitsformel, einschränkende Zusätze, fehlende Bausteine (beredtes Schweigen, BAG 9 AZR 632/07), vertauschte Reihenfolge, kühle Schlussformel. In der Summe ergeben sie ein belastbares Bild.
Was kann ich tun, wenn ich einen Code finde?
Sie können die Berichtigung verlangen. Verschaffen Sie sich zuerst Klarheit, welche Passagen wirklich angreifbar sind, und fordern Sie den Arbeitgeber dann konkret zur Korrektur auf – oder legen Sie eine überarbeitete, unterschriftsreife Fassung vor.
Hinweis: Dieser Ratgeber dient der allgemeinen Information und stellt keine Rechtsberatung im Sinne des Rechtsdienstleistungsgesetzes dar. Für die verbindliche Beurteilung Ihres Einzelfalls wenden Sie sich an eine Rechtsanwältin oder einen Rechtsanwalt für Arbeitsrecht.
Über die Autor:innen
Dr. Markus Neubeck
Gründer & Technische Leitung
Verantwortet die fachliche und technische Ausrichtung des Zeugnisservice. Promotion (summa cum laude, Schwerpunkt Computational Modelling, RPTU Kaiserslautern-Landau) und jahrelange Arbeit an KI- und Sprachverarbeitungs-Systemen (NLP) — die Grundlage dafür, Zeugnissprache, versteckte Codes und die dahinterliegende Rechtsprechung präzise und nachvollziehbar aufzubereiten.
Mehr über das Team →
Miriam Neubeck
Fachliche Beraterin & Qualitätssicherung
Personalreferentin mit mehrjähriger Berufserfahrung. Bringt die Perspektive der betrieblichen Praxis ein — wie Zeugnisse im Personalwesen tatsächlich gelesen, formuliert und bewertet werden.
Mehr über das Team →Schnell-Check
Zuverlässige Warnsignale – auf Muster achten, nicht auf einzelne Wörter:
- „zur Zufriedenheit“ ohne „stets“ = Note fällt
- „im Großen und Ganzen“ = mangelhaft
- „hat sich bemüht“ = Ziel nicht erreicht
- Baustein fehlt = beredtes Schweigen
- Kollegen vor Vorgesetzten = Signal
- kühle/fehlende Schlussformel = Widerspruch
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